Wütend, verletzt oder zurückgezogen: Gefühle in Beziehungen verstehen
Vielleicht kennst du das: Dein*e Partner*in kommt später nach Hause als angekündigt. An sich ist es vielleicht keine große Sache. Trotzdem merkst du, dass dich die Situation stärker trifft, als du erwartet hast. Vielleicht wirst du wütend, ziehst dich zurück oder beginnst einen Streit, obwohl du dir eigentlich Nähe wünschst.
In einer engen Beziehung können scheinbar kleine Situationen erstaunlich viel auslösen. Gefühle entstehen dabei nicht allein durch das, was passiert. Auch die eigene Wahrnehmung, die Bedeutung einer Situation und die Erfahrungen, die wir mitbringen, spielen eine Rolle.
Gefühle können deshalb Hinweise darauf geben, was uns in einer Beziehung wichtig ist – und was gerade zwischen zwei Menschen passiert.
Gefühle in Beziehungen zeigen, was uns wichtig ist
Was wir fühlen, hängt auch davon ab, was zwischen uns passiert.
Eine Nachricht bleibt unbeantwortet. Ein Gespräch wird plötzlich beendet. Ein*e Partner*in wirkt distanziert. Solche Situationen können Unsicherheit, Traurigkeit oder Wut auslösen.
Dabei geht es nicht nur darum, was tatsächlich passiert. Entscheidend ist auch, wie wir eine Situation wahrnehmen und welche Bedeutung sie für uns bekommt.
Wenn dir ein Mensch wichtig ist, kann beispielsweise sein Rückzug ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle auslösen. Vielleicht denkst du: „Er braucht gerade einfach Ruhe." Vielleicht entsteht aber auch die Sorge: „Ich bin ihm nicht mehr wichtig."
Das Gefühl kann deshalb einen Hinweis darauf geben, was eine Situation für dich bedeutet und was dir in der Beziehung wichtig ist.
Vielleicht geht es um Fragen wie:
Bin ich dir wichtig?
Kann ich mich auf dich verlassen?
Bist du für mich da, wenn ich dich brauche?
Sind wir miteinander verbunden?
Wenn dir ein Mensch wichtig ist, kann seine Reaktion auf dich besonders viel bedeuten. Deshalb können gerade kleine Veränderungen im Verhalten des anderen starke Gefühle auslösen.
Wenn Wut Verletzlichkeit schützt
Wut kann uns dabei helfen, Grenzen zu setzen, uns zu wehren oder etwas einzufordern. Sie kann aber auch eine Schutzfunktion haben, wenn wir uns verletzt, zurückgewiesen oder bedroht fühlen.
Vielleicht bist du traurig, weil du dich nicht gesehen fühlst. Vielleicht hast du Angst, dass sich dein*e Partner*in von dir entfernt. Vielleicht fühlst du dich nicht wichtig oder allein.
Solche Erfahrungen können sehr verletzlich machen. Wut kann dann dabei helfen, Abstand zu schaffen oder sich gegen ein Gefühl von Hilflosigkeit zu wehren.
Ein Vorwurf kann deshalb manchmal auch etwas anderes ausdrücken.
Zum Beispiel:
„Du interessierst dich überhaupt nicht dafür, was ich brauche."
Darunter könnte die Angst liegen:
„Ich habe Angst, dass ich dir nicht wichtig bin."
Oder:
„Du entfernst dich immer mehr von mir."
Dahinter könnte die Angst stehen:
„Ich habe Angst, dass ich dich nicht mehr erreiche."
Das bedeutet nicht, dass jede Wut eigentlich Angst ist. Wut hat unterschiedliche Funktionen und kann aus ganz verschiedenen Gründen entstehen. Trotzdem kann es interessant sein, genauer hinzuschauen:
Was schützt meine Wut gerade?
Was wäre vielleicht da, wenn ich nicht wütend wäre?
Was macht diese Situation für mich so bedeutsam?
Wenn aus zwei Reaktionen ein Beziehungsmuster entsteht
Noch deutlicher wird das, wenn die Reaktionen beider Partner*innen aufeinander treffen.
Eine Person fühlt sich beispielsweise unsicher und sucht stärker nach Nähe. Sie fragt nach, möchte reden oder versucht, eine Reaktion zu bekommen.
Die andere Person erlebt diese Annäherung vielleicht als Druck und zieht sich zurück. Sie wird still, wechselt das Thema oder möchte erst einmal Abstand.
Der Rückzug verstärkt wiederum die Unsicherheit der ersten Person. Sie versucht noch stärker, Kontakt herzustellen.
So kann ein Kreislauf entstehen, in dem beide Reaktionen sich gegenseitig verstärken:
Eine Person sucht Nähe – die andere geht auf Abstand.
Der Abstand verstärkt das Bedürfnis nach Nähe – und das Bedürfnis nach Nähe verstärkt den Rückzug.
Aus systemischer Sicht richtet sich der Blick deshalb nicht nur darauf, wer was macht. Ebenso wichtig ist die Frage, was zwischen den beiden passiert.
Dabei geht es nicht darum, eine Person zur Ursache des Problems zu machen. Beide reagieren aufeinander und beeinflussen damit, wie sich die Situation weiterentwickelt.
Solche Beziehungsmuster können ein Thema in der Systemischen Beratung oder in einer Paarberatung sein. Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf einzelne Verhaltensweisen, sondern auch auf die Dynamik zwischen den Partner*innen.
Hinter dem Streit kann die Angst liegen, sich voneinander zu entfernen
In vielen Konflikten geht es zunächst um einen konkreten Anlass: um die unaufgeräumte Küche, zu wenig gemeinsame Zeit, eine vergessene Nachricht oder die Frage, wer welche Aufgabe übernimmt.
Gleichzeitig kann die Situation für beide eine ganz andere Bedeutung haben.
Vielleicht geht es um das Gefühl:
„Ich bin dir wichtig."
Oder um die Angst:
„Was passiert mit unserer Beziehung, wenn wir uns immer weiter voneinander entfernen?"
Die Bindungstheorie richtet unter anderem den Blick darauf, wie Menschen in engen Beziehungen Sicherheit und Verbundenheit erleben. Gerade in Situationen von Stress oder Unsicherheit können Bindungsbedürfnisse besonders deutlich werden.
Dabei geht es nicht darum, jedes Verhalten mit einem bestimmten Bindungstyp zu erklären. Beziehungen sind komplexer als solche Kategorien. Hilfreicher ist deshalb oft die Frage, welche emotionale Dynamik sich zwischen zwei Menschen entwickelt.
Gefühl, Interpretation und Bedürfnis unterscheiden
Ein Blick auf drei Ebenen kann dabei helfen: Gefühl, Interpretation und Bedürfnis.
Zum Beispiel:
Gefühl:
„Ich habe Angst, dass unsere Verbindung abbricht."
Interpretation:
„Du entfernst dich immer mehr von mir."
Bedürfnis:
„Ich möchte spüren, dass wir miteinander verbunden sind und dass ich dir wichtig bin."
Diese Unterscheidung kann eine andere Art des Gesprächs ermöglichen.
Aus
„Du entfernst dich immer mehr von mir!"
wird möglicherweise:
„Ich habe gerade Angst, dass wir uns voneinander entfernen. Ich brauche das Gefühl, dass wir noch miteinander verbunden sind."
Damit ist nicht automatisch jeder Konflikt gelöst. Aber die andere Person kann besser verstehen, was emotional gerade passiert.
Was die Emotionsfokussierte Paartherapie mit Gefühlen in Beziehungen zu tun hat
Die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) ist ein wissenschaftlich untersuchter Ansatz der Paartherapie. Sie ist stark von der Bindungstheorie geprägt und richtet den Blick auf die emotionalen Prozesse zwischen Partner*innen.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Frage, worüber ein Paar streitet. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Gefühle und Bedürfnisse in wiederkehrenden Beziehungsmustern eine Rolle spielen.
Ein Vorwurf kann beispielsweise mit Angst oder Verletzlichkeit verbunden sein. Rückzug kann mit Überforderung, Hilflosigkeit oder dem Bedürfnis nach Schutz zusammenhängen.
In der EFT werden solche emotionalen Prozesse gemeinsam betrachtet. Ziel ist unter anderem, die wiederkehrende Dynamik zwischen den Partner*innen besser zu verstehen und neue Formen des Umgangs miteinander zu entwickeln.
Dass dieser Ansatz nicht nur theoretisch interessant ist, zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der EFT. Studien und Metaanalysen zeigen unter anderem Verbesserungen der Beziehungszufriedenheit und Veränderungen in der Art, wie Partner*innen aufeinander reagieren. [Rathgeber et al., 2019; Spengler et al., 2024]
Vielleicht hilft beim nächsten Streit eine andere Frage
Wenn sich ein Konflikt immer wieder ähnlich entwickelt, geht es vielleicht irgendwann um mehr als den konkreten Streitpunkt.
Dann können Fragen interessant sein wie:
Was passiert gerade zwischen uns?
Was fühle ich gerade – und was brauche ich von dir?
Was löst die Reaktion meines Gegenübers in mir aus?
Hinter Wut kann Verletzlichkeit liegen. Hinter Rückzug kann Überforderung liegen. Hinter einem starken Bedürfnis nach Nähe kann die Angst stehen, den anderen Menschen zu verlieren.
Gefühle sind dabei nicht einfach Hindernisse, die es in einer Beziehung zu überwinden gilt. Sie können Hinweise darauf geben, was gerade zwischen zwei Menschen passiert und welche Bedeutung die Beziehung für beide hat.
Dann geht es nicht mehr nur darum, wer was falsch gemacht hat. Es geht auch darum zu verstehen, was hinter dem eigenen Verhalten und der Reaktion des anderen liegt.
Psychologische Beratung und Paarberatung zwischen Gifhorn und Braunschweig
Wenn sich bestimmte Konflikte in einer Beziehung immer wiederholen oder Gespräche regelmäßig an einem ähnlichen Punkt enden, kann professionelle Begleitung sinnvoll sein.
In meiner psychologischen Beratung und Systemischen Beratung schaue ich gemeinsam mit dir oder euch auf die Muster, die sich in einer Beziehung entwickelt haben. Dabei geht es nicht darum, eine Person als Ursache des Problems festzulegen. Im Mittelpunkt steht die Frage, was zwischen euch passiert und welche Veränderungen möglich werden können.
Als Systemische Therapeutin arbeite ich mit einem systemischen Ansatz und mit Elementen der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT). Meine Paarberatung kann sich an unterschiedliche Anliegen richten – von wiederkehrenden Konflikten über Schwierigkeiten mit Nähe und Rückzug bis hin zu Fragen rund um Vertrauen und Verbundenheit.
Die Beratung findet derzeit online statt. Gleichzeitig suche ich nach geeigneten Räumlichkeiten für persönliche Gespräche in Gifhorn und Braunschweig sowie in der näheren Region. Sobald ich einen passenden Beratungsraum gefunden habe, wird auch Beratung vor Ort möglich sein.
Quellen und weiterführende Literatur
Beasley, C. C., & Ager, R. (2019). Emotionally Focused Couples Therapy: A Systematic Review of Its Effectiveness over the past 19 Years. Journal of Evidence-Based Social Work, 16(2), 144–159.
Rathgeber, M., Bürkner, P.-C., Schiller, E.-M., & Holling, H. (2019). The Efficacy of Emotionally Focused Couples Therapy and Behavioral Couples Therapy: A Meta-Analysis. Journal of Marital and Family Therapy, 45(3), 447–463.
Spengler, P. M., Lee, N. A., Wiebe, S. A., & Wittenborn, A. K. (2024). A Comprehensive Meta-Analysis on the Efficacy of Emotionally Focused Couple Therapy. Couple and Family Psychology: Research and Practice, 13(2), 81–99.
Wiebe, S. A., & Johnson, S. M. (2019). Emotionally Focused Couple Therapy. In J. L. Lebow, A. L. Chambers, & D. C. Breunlin (Eds.), Encyclopedia of Couple and Family Therapy. Springer.